Andreas H. Apelt
Publizist & Schriftsteller
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Berlin - Berlin


Im wahrsten Sinne des Wortes werden die Bilder von Ron Jager im Postkarten XXL Format mit Geschichten von Andreas H. Apelt umwickelt. Ob nun die Geschichten das Gezeigte erzählen oder die Bilder die Geschichten erzählen, sie bilden eine Einheit, die sich auf diese Weise wunderbar präsentiert. Der Betrachter und Leser erhält einen prosaischer Eindurck vom Leben im Prenzlauer Berg Ende der 80iger Jahre. Ein Stück schwarz-weiß dokumentierte DDR Geschichte...

Mit Bilder von Ron Jagers: http://www.ronjagers.nl/fotoos/index.php?/category/7

Die Augen

Immer wenn es in den engen Straßen dunkel wird und die Häuser noch dichter aneinander rücken, gehen sie aus, die Augen. Als hätten sie schon auf das Licht gewartet. Dort aus den Häusern, die ihre erleuchteten Fenster vor die schwarzen Abgründe stellen. Wortlos und einladend. So klopfen die Gäste nicht an. Nein, sie sind einfach da und wandern, Mobilar, Tapeten, Bilder und Blumen musternd, durch fremde und doch so vertraute Zimmer und Räume, um an gedeckten Tischen, in bequemen Sesseln, hinter aufgeschlagenen Zeitungen und vor  nervös flimmernden Fernsehern Platz zu nehmen. So, als wäre es etwas selbstverständliches. Wenn es spät wird, schlafen sie auch dort, in den Betten der Gastgeber und Gastgeberinnen. Und schleichen sich erst wieder davon, wenn der Morgen das Licht aus den Schlafzimmern raubt, es in Streifen reißt und goldgelb auf die Dächer der Stadt legt.

Das Glück

Wer einen Schornsteinfeger erblickt, wird Glück haben. So verspricht es ein altes Sprichwort. Um wieviel größer muß das Glück sein, wenn man zwei Schornsteinfeger erblickt? Und das so nah, daß man sie sogar berühren könnte.Aber vielleicht ist das auch nichts besonderes, mit dem Glück und den zwei Schornsteinfegern. Schon gar nicht in Berlin, wo noch Millionen gefräßiger Kohleöfen einen weißen, grauen oder schwarzen Qualm in den trostlosen Winterhimmel speien. Dort, wo Schornsteinschlünde das Dächermeer bis zum Horizont füllen.Und sie schreien nach Drahtbesen und Eisenkugeln, die von flinker Hand geführt, in die verrußten Magen der Stadt hinabsausen.Über allem steht breitbeinig er, der schwarze Mann mit Hut. Im Gegenlicht, wie eine Scherenschnittfigur aus dem Trickfilm des Lebens.

 

Der Kreis

Die schwere Holztür quietscht. So, als wollte das Haus schreien. Dabei muß es keine Angst haben, das Haus, das da unweit der Synagoge steht. Ein ausgetretener Steinfußboden nimmt die Füße auf. Die gehen von selbst ganz leise, in dieser neuen anderen Welt. Ein mechanischer Arm zieht die Tür ins Schloß. Langsam, ganz langsam, so wie er die Tür immer ins Schloß gezogen hat, in all den Jahren. Und immer wurde der Schrei verschluckt, wieder und immer wieder. Aber was sind schon Jahre im Angesicht der Zeit, sagen die Leute. Und was im Angesicht von Kommen und Gehen, von Leben und Tod. Das Leben ist wie ein großer Kreis, sagen sie und vielleicht haben sie recht. Denn immer dann, wenn man sich auf einer Geraden wähnt, beginnt er sich zu schließen, unmerklich und doch viel schneller, als man zu glauben wagt. Es gibt kein Entrinnen. Und Geschichte kommt wieder. Selbst die Erinnerung wird den Kreis vollenden, nur eben in einer anderen Richtung.