Seit Oktober 2010 werden die Niederlande durch ein Minderheitenkabinett von VVD (Liberalen) und CDA (Christdemokraten) regiert, dass durch die inzwischen berüchtigte Partei von Geert Wilders, die PVV, geduldet wird. Das Kabinett profilierte sich im ersten Jahr vor allem durch allerlei Einsparungen. Nach eigenen Angaben will es den Staatshaushalt wieder in Ordnung bringen. Insgesamt müssen 18 Milliarden eingespart werden, um das Haushaltsdefizit zu begrenzen. Hier und dort gibt es Stimmen, die sagen, dass das Kabinett den Wirtschaftsprüfer raushängen lässt, aber weiter keine gesellschaftliche Vision formuliert. Andere vermuten hinter den Einsparungen ein geschicktes Vehikel, um eine politische Agenda durchzuführen. In Bezug auf die Kunst fällt es schwer, dies zu leugnen. Der Staatssekretär Halbe Zijlstra hatte gleich zum Amtsantritt den Raad voor Cultuur, sein eigenes Beratungsgremium, um Vorschläge gebeten, wie er 200 Millionen (bei einem Gesamtbudget von 700 Millionen) einsparen könne. Der Rat avisierte die Rasenmähertaktik, was meint, überall ein bisschen einzusparen. Diesem Rat folgte der Staatssekretär nicht.
Die härtesten Kürzungen treffen die Bildende Kunst (von 53,5 Millionen auf 31 Millionen) und die Darstellende Kunst (von 263 Millionen auf 156 Millionen). Die staatliche (Reichs-) Förderung wird also um 40 Prozent gekürzt! Außerdem wird die Mehrwertsteuer auf Eintrittskarten für Kulturereignisse (ausgenommen Kino, Zirkus und Vergnügungsparks) von sechs Prozent auf 19 Prozent erhöht. Auffallend ist, dass der Staatssekretär sich dazu entschieden hat, sogenannte „Topgesellschaften“, das heißt große Theatergruppen wie Toneelgroep Amsterdam oder De Nederlandse Opera, bei den Einsparungen zu verschonen. Dies hat einschneidende Folgen für das niederländische Theatergefüge.
In den Niederlanden ist im Gegensatz zu Deutschland die Produktion von der Spielstätte getrennt. Alle Theatergruppen haben eine Reiseverpflichtung und meist keine, oder nur eine kleine eigene Spielstätte. Die neun großen Theatercompagnien arbeiten jeweils eng mit einer Stadschouwburg zusammen. Vom Staat werden aber nicht nur die Stadtcompagnien subventioniert, sondern auch die sogenannten „Produktionshäuser“ und der Fonds für die Bühnenkunst, bei dem Schauspielerkollektive und unabhängige Theatermacher Subvention für bis zu vier Jahren beantragen können. Nun sollen in den Niederlanden lediglich weiterhin die neun großen Stadtcompagnien dieselben Mittel bekommen, dagegen die einundzwanzig Produktionshäuser nicht länger subventioniert werden.
Die Produktionshäuser haben die Aufgabe, jungen Talenten, die frisch aus der Ausbildung kommen, Arbeitsmöglichkeiten zu bieten und so eine Fortsetzung der Ausbildung zu sein. Sie bieten den Künstlern die Chance, sich zu entwickeln. So fanden zum Beispiel Dries Verhoeven am Huis aan de Werf (Utrecht), Ilay den Boer am Huis van Bourgondië (Maastricht) und Jetse Batelaan am Gasthuis (Amsterdam) zu ihrer eigenen Handschrift. Langsam sollen die jungen Talente aufgebaut werden: von der Schule über das Produktionshaus zum Kleinen Saal und dann auf die große Bühne. Dieses Modell heißt „Durchströmung“.
Es zeigte sich aber, dass viele Theatermacher nicht zu den Stadtcompagnien „durchströmten“, sondern eine eigene Gruppe gründeten. Dies geschah vor allem deshalb, weil sich die eigensinnigen Handschriften der Theatermacher nicht für den großen Saal eigneten oder nicht mit bestehenden Compagnien kompatibel waren. Eine Ausnahme bildete Jetse Batelaans Zusammenarbeit mit dem Ro Theater. Diese Theatermacher klopften beim Fonds für die Bühnenkunst an und fanden ihr Publikum in den kleinen und mittelgroßen Sälen und auf Festivals. Um ein paar Beispiele zu nennen: Nicole Beutler, Andcompany&Co, David Weber Krebs, Andrea Bozic, Ivana Mueller, Edith Kaldor, Lotte van den Berg. Ferner sind die Produktionshäuser wie etwa das Grand Theater Groningen, das Productiehuis Rotterdam und das Frascati Amsterdam einige der wenigen Orte, die auch internationale Arbeiten in den Niederlanden zeigen, beziehungsweise sich an internationalen Koproduktionen beteiligen.
Auch der Fonds für die Bühnenkunst soll in Zukunft um die 30 Prozent weniger Geld zur Verfügung haben, weshalb die Möglichkeiten gefördert zu werden, immer weniger werden. Des Weiteren sind auch Festivals wie Oerol, Noorderzon, Festival aan de Werf, Springdance und andere sowie das Niederländische Theaterinstitut von der Streichung der Subventionen betroffen. Gerade beim Niederländischen Theaterinstitut, das mit seiner Museumstätigkeit und durch seine wunderbare Bibliothek das Gedächtnis des niederländischen Theaters ist, und durch seine aktive Förderung sehr dazu beigetragen hat, dass viele niederländische Theatermacher inzwischen regelmäßig im Ausland auftreten oder sich sogar langfristige Zusammenarbeiten ergeben haben, etwa zwischen dem Schauspielhaus Bochum und Paul Koeks Veenfabriek, erscheint einem diese Entscheidung als besonders ab-surd.
Das alles ist, gelinde gesagt, ein deutliches Zeichen. Die Theaterlandschaft soll einem radikalen „Kulturwandel“, wie der Staatssekretär es bezeichnet, unterzogen werden. In Zukunft soll die Aufgabe des Theaters sein, „große Theaterproduktionen mit einer großen Anzahl von Darstellern, z.B. Shakespeare“ zu produzieren. Kunst wird von der Regierung als ein „linkes Hobby“ der reichen Minderheit bezeichnet.
Auch innerhalb des Theatermilieus wurde in den vergangenen Jahren heftig darüber diskutiert, wie eine zukünftige niederländische Theaterstruktur aussehen könnte. 2008 forderte der Regisseur und künstlerische Leiter der Toneelgroep Amsterdam in einer Rede, unter anderem dass die Verfaserung des niederländischen Theaterwesens gestoppt werden und sich das Theatersystem mehr um die Stadtcompagnien herum gruppieren müsste. Diese Rede rief heftige Kritik hervor, da gerade die Diversität der niederländischen Theaterlandschaft von vielen als eine Qualität empfunden wird. Bis jetzt war die Anerkennung einer Produktion unabhängig davon, ob eine große Theaterkompagnie wie Toneelgroep Amsterdam diese herausgebracht hat oder eine kleine Gruppe, wie zum Beispiel Dood Paard. Nun wird von vielen Theatermachern befürchtet, dass diese Gleichheit der Wahrnehmung wegfallen wird und Qualität mit der Größe der Gesellschaft gleichgesetzt wird. Die Gefahr besteht, dass dem Autonomen und Alternativem keine Gelegenheit mehr gegeben wird, sich zu entwickeln. Bis jetzt konnte das niederländische Theater so progressiv sein, da es dort keine vergleichbare Theatertradition wie in Deutschland gibt, aber hier liegt auch die Verwundbarkeit. Der größte Teil des Publikums sieht die Aufführungen nicht in einer Tradition, hat nicht den geschulten Blick und die Bedürfnisse eines Kenners, sondern will vor allem unterhalten werden.
Als die Kürzungspläne bekannt wurden, aber noch nicht in konkrete Maßnahmen umgesetzt waren, protestierte die Kulturszene geschlossen im ganzen Land unter dem Motto „Der Schrei für Kultur“. In Filmen und auf Fotos waren Kunstliebhaber und Künstler zu sehen, die wortwörtlich für Kultur schrieen. Als dann die Pläne vom Kulturstaatsekretär bekannt wurden, reagierte die kulturelle Landschaft erschüttert. Ende Juni 2011 wurde ein „Marsch der Zivilisation“ nach Den Haag organisiert. Es protestierten 10000 Künstler.
Doch fühlen sich die Proteste für viele lau an. Dafür gibt es eine Erklärung: In den Niederlanden wurde das Poldermodell erfunden. Demonstrieren und protestieren wird dort im allgemeinem nicht als der richtige Weg zu einer Lösung gesehen. Das Poldermodell ist die typische Art der Niederländer, Konflikte hinter geschlossenen Türen im Konsens zu lösen. Weil die Regierung, so scheint es nun, den Kurs gewechselt hat und nun eher nach einem „Konfliktmodell“ oder „Konfrontationsmodell“ sucht, wächst auch innerhalb der Theaterszene die Streitlust. Es bleibt abzuwarten, ob ein Theater oder Produktionshaus besetzt werden wird, wenn diese tatsächlich 2013 geschlossen werden sollten.
Man wird sehen, ob einige Produktionshäuser in der einen oder anderen Form doch überleben werden, ob die Städte oder Gemeinden finanziell einspringen können und wollen, oder sie mit einer Stadtcompagnie fusionieren. Vielleicht wäre aber auch eine ganz andere Struktur möglich. So könnten statt der Stadtcompagnie die Stadschouwburgen die Funktion der Produktionshäuser übernehmen und mehrere Theatergruppen in ihrem Gebäude beheimaten. Dies alles bleibt abzuwarten. Im Moment ist die gesamte Theaterszene im Umbruch und keiner weiß genau, wohin der Weg führen wird.